Viel-Art: Herr Schrickel, wie nutzen Sie Ihre Kunst, um auf das Thema der sexuellen Vielfalt aufmerksam zu machen?

Schrickel: Ich denke, eine Hauptantriebsfeder aller Handlung im Theater ist die Sexualität. Ich schaue immer wieder in meinen Inszenierungen, welche sexuellen Spannungsbögen stückimmanent sind. Bei Hamlet habe ich mir zum Beispiel die Frage gestellt, was Hamlet so an Ophelia stört. Und warum alle, auch Ophelias Vater, so sehr vor dieser Liason warnen. Hamlet wäre doch eine gute Partie! Dann stieß ich auf Horatio, Hamlets besten Freund, und habe im Stück entdeckt, dass er es ist, der „Hamlets Herz am nächsten ist“. Dass Horatio es ist, der Hamlets Geschichte nach dessen Tod weitererzählen soll. Dass Hamlet Horatio aus ganzem Herzen liebt. Klar, dass alle Ophelia warnen, denn Hamlet war (zumindest latent) schwul und konnte diese Lust nicht ausleben. Wir sehen: In Theaterstücken gibt es immer wieder die Möglichkeit, hinter die offensichtlichen Beziehungsebenen zu schauen und diese zu erforschen. Zu schauen, wo die Liebe und die Lust wirklich hingefallen sind.

Glauben Sie, dass Kunst (Musik, Schauspiel, Bildende Künste etc.) das richtige Medium ist, um sexuelle Vielfalt stärker in die Mitte der Gesellschaft zu bringen?

Ja, natürlich! Theater ist ja immer ein Gemeinschaftserlebnis. Wir in unserem Theater heben immer ganz bewusst die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Bühne auf. Das GLOBE steht für eine gemeinsame Welt, die „unteilbare Szene“. Zuschauer und Schauspieler befinden sich ja auch tatsächlich im Theater in einem Raum. Wir erzählen den Zuschauern Geschichten, die uns interessieren und treten so mit ihnen in einen Dialog. Von Angesicht zu Angesicht. Das kann Mut machen, das stellt uns selbst immer wieder in Frage, das kann weh tun und trotzdem gut sein. Und der Zuschauer erlebt es zeitgleich 1:1 mit uns. Im selben Moment. Gemeinsam.

Welche Möglichkeiten bietet das Schauspiel aus Ihrer Sicht, um auf das Thema der sexuellen Vielfalt aufmerksam zu machen?

Wir als Neues Globe Theater stehen ja ganz in der Tradition des Elisabethanischen Theaters. Da es zu dieser Zeit Frauen verboten war, auf der Bühne zu spielen, wurden somit alle Rollen für Männer geschrieben. Sowohl Julia als auch Lady Macbeth oder Desdemona wurden also von Männern gespielt. Damals hat man begonnen, mit dem so genannten Gender-Switch zu experimentieren. In Shakespeares „Wie es euch gefällt“ spielt also ein junger Mann das Mädchen Rosalind, die sich im Wald zum Schutz als junger Mann verkleidet. Dort trifft sie auf ihren geliebten Orlando, der sie in der Verkleidung natürlich nicht

erkennt, und spielt ihm, um die Aufrichtigkeit seiner Liebe zu testen, seine echte Rosalind vor, um die er werben soll. Also zwei Männern erklären sich ihre Liebe, wobei der eine eine Frau spielt, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt…

An diesem Beispiel sieht man, dass sexuelle Vielfalt im Elisabethanischen Theater Thema war, reizvoll für die Zuschauer und sicher auch für die Schauspieler. Wir treiben es in unserer Inszenierung von „Wie es Euch gefällt“ auf die Spitze, indem wir alle Männerrollen von Frauen und alle Frauenrollen von Männern spielen lassen. Echt spannend! Die Geschlechtergrenzen werden aufgehoben. Jeder ein Spiegelbild des anderen (Geschlechts). Das wichtigste am Ende was bleibt, ist die Liebe. Und die Lust.

Kai Frederic Schrickel  –  Schauspieler, Regisseur

1966 in Offenbach am Main geboren, absolvierte Schrickel 1990 bis 1993 seine Schauspielausbildung an der Neuen Münchner Schauspielschule. Neben seiner Tätigkeit als Fernsehschauspieler (u.a. Stadtklinik, SoKo Leipzig, Verbotene Liebe) arbeitete er auch als festes Ensemblemitglied an der Elisabethbühne Salzburg, dem Theater der Jungen Welt Leipzig, dem Theater Casa Nova TuP Essen und dem Theater Plauen-Zwickau. Ebenso führten ihn Regiearbeiten und Assistenzen nach Leipzig, Salzburg, Berlin, Potsdam und ans Hessische Staatstheater Wiesbaden. Zusammen mit Andreas Erfurth und Sebastian Bischoff gründete er im Juni 2015 das “Neue Globe Theater” und eröffnete es mit einer rein männlich besetzten “Hamlet”-Inszenierung. Im Shakespeare-Jahr 2016 inszenierte er “König Lear”, wieder mit einem All-Male-Ensemble. Weitere Inszenierungen waren “Indien” (2017), “Die Streiche des Scapin” (2018) und “Leben Eduards des Zweiten von England” (2019).

Kai Frederic Schrickel
Kai Frederic Schrickel

Wie schätzen Sie die Präsenz des Themas im Bereich des deutschsprachigen Schauspiels ein?

Nicht besonders hoch. Es gibt wenige Stücke, die sich damit direkt auseinandersetzen. Es scheint auch eine gewisse Skepsis von Seiten des Publikums zu geben, sich Stücke anzusehen, die diese Themen im Speziellen aufgreifen. Wir haben das auch bei unserer neuesten Produktion LEBEN EDUARDS DES ZWEITEN VON ENGLAND von Bertolt Brecht erlebt. Eine Adaption eines elisabethanischen Autors, Christopher Marlowe, und das erste Stück der Literatur überhaupt, dass eine reine Männerliebe zum Hauptthema hat. Viele Veranstalter zuckten zurück, als wir ihnen dieses Stück als Gastspiel angeboten haben. Sie hatten Angst, dass sich ihre Zuschauer für dieses Thema nicht interessieren würden. Man muss sexuelle Vielfalt also noch immer eher subtil, als direkt und provokant verkaufen. Ich dachte eigentlich, die Zuschauer wären da schon weiter. Aber wie gesagt, nicht die Zuschauer haben das Stück nicht gebucht, sondern die Veranstalter haben Angst. Angst davor, das Abonnements gekündigt werden oder der Bürgermeister den Vertrag nicht verlängert. Letztlich Angst auch vor sexueller Vielfalt auf der Bühne.

Welche Entwicklungen sehen Sie im Schauspiel im Hinblick auf das Thema der sexuellen Vielfalt?

Mir fällt auf, dass in letzter Zeit, zumindest in Berlin, in großen und wichtigen Schauspielproduktionen immer mehr Frauenrollen von Männern und umgekehrt gespielt werden. Das gab es natürlich schon immer, aber in letzter Zeit häuft es sich. Das finde ich spannend und interessant. In die Haut des anderen Geschlechts zu schlüpfen, bedeutet immer, einen Brecht’schen Verfremdungseffekt auf der Bühne herzustellen. Der/Die Zuschauer/in identifiziert sich mit dem/der Schauspieler/in des eigenen Geschlechts, aber halt auch mit dem dargestellten anderen Geschlecht! Scheinbar gibt es irgendwie ein Grundbedürfnis, auf der Bühne das Geschlecht zu wechseln und für die Zuschauer, diesen Wechsel live zu erleben. Das kenn ich so aus keinem anderen Berufsumfeld!

Kunst befindet sich oftmals in „geschlossenen Räumen“ – wenn wir einmal an Konzerte oder Vorführungen im Schauspielhaus denken. Wie kann es gelingen, sexuelle Vielfalt durch das Medium „Kunst“ stärker in die Öffentlichkeit zu holen? Welche Räume sollten wir nutzen?

Da muss ich widersprechen. Jeder kann doch ins Theater kommen, das ist wirklich ein Ort, an dem alle Altersgruppen, alle Schichten und alle Geschmäcker zusammenfinden. Das Angebot besteht fast überall und wir als Tourneebetrieb und Wanderbühne bringen die Stücke ja sogar in die entlegensten Winkel Deutschlands. Man glaubt gar nicht, wie viel Theater überall stattfindet und gewollt wird!
Darüber hinaus macht das Theater „besonders“ (im Gegensatz zum Film, Internet oder Fernsehen): nur wer live dabei war, hat es auch erlebt. Denn Theater ist eine flüchtige Kunst! Nicht wiederherstellbar, wie ein Liebesakt. Wiederholbar, aber niemals gleich. Wer es selbst erleben will, muss kommen. Wenn sie sehen, wie viele Zuschauer jährlich allein die Berliner Bühnen besuchen, sind das wesentlich mehr, als bei Sportveranstaltungen, weil es eben viele Theater sind und jeden Tag Theater stattfindet! Theater sind Orte, wo Menschen zusammen finden, seit Jahrtausenden. Mitten in unserer Gesellschaft. Mehr Öffentlichkeit geht doch gar nicht!